Schulautonomie Initiative für Schulautonomie Dreigliederung

 

DeutschEnglishFrançaisskandinaviskItalianoEspañolPortuguês (Brasileiro)
 
 impressum 

Erika Steinbach und der Bund der Vertriebenen

05.04.2001 - Sylvain Coiplet

Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg müssen nach Auffassung des deutschen Bundes der Vertriebenen in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden. Mit Ausnahme einiger Unions-geführter Länder wird dieses Thema im Schulunterricht nicht behandelt, kritisiert die Verbandsvorsitzende und CDU-Bundestagsabgeordnete, Erika Steinbach. Der Bund der Vertriebenen hat sich deshalb mit der Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz in Verbindung gesetzt.

Steinbach hält es für falsch, die 15 Millionen Vertriebenen aus Ostdeutschland, Polen, der Tschechoslowakei und ganz Südosteuropa allein als Opfer Hitlers zu bezeichnen. Die Vertreibungen sind von langer Hand systematisch vorbereitet worden, um sich ethnischer Minderheiten zu entledigen. Sie sind daher keine naturgesetzliche Folge des Krieges und der NS-Besatzungsherrschaft gewesen. Sie sind dadurch zwar ermöglicht, aber keineswegs zwingend verursacht worden.

Es spricht einiges für diese historische These von Erika Steinbach. Mitteleuropäische Länder wie Polen waren vor dem zweiten Weltkrieg in der Tat Vorreiter bei der Unterdrückung von Minderheiten. Man darf sich sogar fragen, ob es ohne die deutsche Besatzung diesen Minderheiten viel besser ergangen wäre. Dies erklärt auch der oft nur geringe Widerstand gegen die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten. Und von der anschliessenden Vertreibung der Deutschen kann man leider nicht sagen, daß sie mit dieser Logik gebrochen hat. Es wurden dabei viele Nationalisten vertrieben, der Nationalismus ist aber geblieben.

So weit kann man also Erika Steinbach Recht geben. Dem Bund der Vertriebenen kann man auch zugute halten, daß er relativ früh die Nachkriegsgrenzen anerkannt hat. Das Problem von Steinbach ist, daß sie zwar die deutschen Grenzen, aber nicht die Grenzen der Politik anerkennt. Sie hält es für selbstverständlich, daß Politiker den Lehrern zu sagen haben, was sie zu tun haben, nur weil sie jetzt gerade eine Mehrheit haben. Sie fordert Respekt für die damalige deutsche Minderheit, kennt aber keinen Respekt vor pädagogischen Minderheiten.

Wenn Steinbach das Thema Vertreibung im Schulunterricht wichtig erscheint, warum wird sie dann nicht Geschichtslehrerin? Warum setzt sie sich nicht mit den Geschichtslehrern, sondern mit der Kultusministerkonferenz in Verbindung? Hält sie ihre Argumente für so schwach, daß sie nur durch Dekrete zur Geltung kommen können?

Erika Steinbach sollte lieber kritisieren, daß die Vertreibung für politische Zwecke mißbraucht wird, sei es von den christlichen Parteien als Anlaß zum Selbstmitleid oder von der sozialistischen Partei als Abschreckung vor dem Nationalsozialismus. Sie müßte sich dafür einsetzen, daß das Schicksal der Vertriebenen nicht mehr auf diese Weise instrumentalisiert wird. Dann hätte ihr Verband eine Daseinsberechtigung. Bis dahin zeigt dieser deutsche Bund der Vertriebenen nur, daß das Ausland an ihnen nichts verloren hat.