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Deutsche Politiker schneiden beim Pisa-Test schlecht ab

01.12.2001 - Rasmus Bjerregaard

Deutsche Schüler sind im internationalen Vergleich dramatisch schlecht. Zu diesem Ergebnis kommt, nach Berichten der Nachrichtenmagazine "Focus" und "Spiegel", der weltweit größte Schülertest "Pisa". An der von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführten Studie beteiligten sich 200.000 Schüler aus 32 Nationen.

Die deutschen Schüler bewegten sich im unteren Drittel und die Kluft zwischen guten und sehr schlechten Schüler war im Fall Deutschlands frappierend. Das Ergebnis schlug wie eine Bombe in Politik und Wirtschaft ein, und rüttelte gewaltig am Selbstverständnis der deutschen Bildungspolitik.

Verschönern und Bagatellisieren sind nicht am Platz, obwohl der Pisa-Test sich, recht gesehen, auf enge, dafür aber zentrale, Aspekte der schulischen Leistung beschränkte: Im Lesetest ging es beispielsweise keineswegs um Tempo, Wortschatz oder Abstraktionsgrad, sondern um die Fähigkeit zur Textwidergabe. Hier war das Versagen der deutschen Schüler erschütternd.

Das Armutszeugnis in der Texterfassung muß aber anschließend auch für sämtliche deutsche Politiker ausgestellt werden. Entweder haben sich die Politiker in der Reaktion auf die Pisa-Studie auf Focus-Artikel beschränkt, oder die Pisa-Studie bloß überflogen. Auf jeden Fall haben sie nicht die zwei zentralen Schlüsse aus der Studie gezogen, nämlich dass es den Schülern an Lesekonzentration, Fähigkeit zuzuhören und passiv aufzunehmen fehlt, und dass die Länder mit Gesamtschulen wesentlich besser abschneiden, während Deutschland einer Quote von "20 % faktische Analphabeten" hat, wie Dieter Hundt die deutsche Lage beschrieb.

Oberflächlicher als die jungen deutschen Leser überboten sich die Politiker anschließend mit Reaktionen: Erwin Teufel will die Lehrer durch noch härtere Ausbildung maßregeln und Stoiber wollte sogar mit alten Tugenden, wie Disziplin, das Ruder herumreissen.

Von den Politikern, die die Lage noch genauer erfasst haben wollten, war aber auch nichts als bloß alter Kaffee zu haben.

Das Forum Bildung, zusammengesetzt aus dem Bundesbildungsministerium und Kultusministerien der Länder, legte am 28.11.2002 eine Empfehlung für die zukünftige Bildungspolitik vor. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair als Vorsitzende des Forums, erklärten, dass frühe Förderung, individuelle Förderung, die Verwirklichung lebenslangen Lernens für alle, Erziehung zu Verantwortung und Reform der Aus- und Weiterbildung der Lehrenden über die Qualität und Zukunftsfähigkeit des deutschen Bildungswesens entscheiden.

Die Empfehlung korrespondiert in keinster Weise mit der Pisa-Studie und ist vielmehr eine Fortführung der bisherigen Bildungspolitik, die mit der Pisa-Studie die rote Karte bekommen hat. Hier kommen wieder alte Akzente zum Vorschein, wie die Förderung begabter Kinder, Erweiterung der Schuldauer und die "Empfehlung" zieht wieder die Computerkarte aus dem Ärmel und verlangt mehr Computer und meint, dass es, angesichts des immer schnelleren Wachstums von Wissen, immer wichtiger sein wird die Fähigkeit, Wissen aufzufinden, auszuwählen, zu bewerten und anzuwenden.

Wahrscheinlich mangelt es aber den deutschen Schülern nicht an dieser Fähigkeit sich im Informationszeitalter zurechtzufinden und den Informationsfluß selektiv zu bewältigen. Diese Annahme scheint die Pisa-Studie zu bestätigen. Wenn man nicht völlig an der Intelligenz oder Konzentrationsfähigkeit der deutschen Schüler zweifeln will, muß man den Schülern bei der Leseaufgabe einen scannenden Blick und Informationsselektion zuschreiben. In den Schulen ist seit langem der Frontalunterricht verpönt gewesen und die Schüler werden nicht in passivem Zuhören und Aufnehmen trainiert, ganz anders als in Japan und Korea, wo von den Schülern verlangt wird, dass sie alles wie ein Schwamm aufnehmen und nicht selektiv auswahlen müssen.

Die Politiker haben allzu lange versucht, die Schüler für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt "fit" zu machen, indem sie die Schüler zu einem Abbild der Wirtschaft und Gesellschaft machen wollten. Dass die Gesellschaft und die Wirtschaft in Wirklichkeit das Gegenteil brauchen, nämlich Menschen mit geistiger Tiefe - in diesem Fall Menschen, die sich nicht vom Informationsfluß wegfegen lassen, sondern konzentriert zuhören können - sollte die Politiker zum Respekt vor der geistigen und pädagogischen Autonomie der Schule anhalten.