Schulautonomie Initiative für Schulautonomie Dreigliederung

 

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Ganztagschulen sind noch keine Qualitätsschulen

10.01.2002 - Rasmus Bjerregaard

Bundespräsident Johannes Rau hat sich am 10.01.2002 vor dem Forum Bildung, bestehend aus den Kultusministern der jeweiligen Bundesländer und Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, grundsätzlich zur Bildungspolitik in Deutschland geäußert und eine neue Bildungsreform gefordert.

"Bildung ist ein Thema, das zu lange vernachlässigt worden ist. Die Veröffentlichung der Pisa-Studie hat auch all jene aufgeweckt, die das immer noch nicht begriffen hatten. Bildung muss angesichts der erkennbaren großen Herausforderungen wieder auf die Tagesordnung, und zwar ganz oben und nicht nur auf die Tagesordnung derer, die reden und schreiben, sondern auch derer, die entscheiden und handeln", sagte er in seiner Grundsatzrede. "Heute stehen wir vor der Aufgabe, eine neue Bildungsreform zu beginnen: Qualitativ und quantitativ. Die Teilhabe an Bildungschancen ist geringer und begrenzter als nötig. Wir brauchen zum Beispiel in den kommenden Jahren mehr Hochschulabsolventen." Rau forderte auch erheblich mehr Ganztagsschulen. "Das Berufsleben ist enorm wichtig, aber es ist nur ein Teil und wenn Erziehung und Bildung das übersehen, dann leisten sie einer Form des Analphabetismus Vorschub".

Der Bundespräsident blieb wie immer beim Grundsätzlichen, bei den Überschriften für eine neue Bildungspolitik. Grundsätzlich Neues war aber nicht zu entnehmen, nur die Mithineinkalkulierung der neuen politischen Kategorien.

So wie die gesamte Bildungspolitik an der Wirtschaft orientiert ist, ist auch die Forderung nach Ganztagsschulen bedingt durch die Entdeckung des neuen Politikfeldes Familienpolitik. Die Familienpolitik erfreut sich großer Beliebtheit und allgemeinem Zuspruch aufgrund der neuen "Einsicht" dass das Rentensystem ohne Nachwuchs nicht aufrecht zu erhalten ist. Nun müssen Kinder "finanzierbar" sein, und dies geht, trotz bayerischer Fantastereien, nur, wenn die (alleinerziehenden) Mütter auch arbeiten können. Deshalb Ganztagsschulen. Die Politiker brauchen aber die Familienpolitik erst gar nicht als eine Frage der sozialen Verantwortung zu preisen, - es geht doch nur um die Erhaltung ihres wahnwitzigen Rentensystems.

Eine qualitative Veränderung des Erziehungssystems Deutschland bringen die Rufe nach Ganztagsschulen nicht, wenn sie letztlich nach ökonomischen Gesichtspunken erfolgen.

Dass Erziehungsinstitutionen neben ihrer Erziehungs- und Bildungsaufgabe auch eine soziale, arbeitsteilige Aufgabe, im Sinne der Kinderbetreuung, haben, ist ihnen weniger bewußt. Dies gilt auch, und oft gerade bei pädagogischen Reformbewegungen. Es sitzen noch immer überall die konservativen pädagogischen Moralapostel, die die Kindern am liebsten am Rockzipfel der Mutter sehen wollen. Bevor die Halb- oder Ganztagsbetreuung von Kindern nicht gesellschaftsfähig gemacht wird und die pädagogischen Moralapostel zum Accord gebracht werden, sind Kinder und Beruf für Frauen nicht realisierbar.

Ganztagsschulen gehen in erster Linie um soziale Selbstverwirklichung von Frauen, parallel mit Kindern, das hätte Rau nicht nur andeuten, sondern klar thematisieren müssen. Es ist absurd, bei der Debatte um die Ganztagsschulen stehen zu bleiben, wenn doch klar ist, dass damit die ersten 7 Kinderjahre ausgeblendet werden. Will man sich mit Vorbildern wie Frankreich oder Skandinavien herumschlagen, müßte mit der Betreuung ab dem 6. Lebensmonat angesetzt werden. In Skandinavien sind Berufstätigkeit und Kinder das höchste Gut der Frauen, in Deutschland dagegen ein Anachronismus. Eine Debatte darüber ist notwendig - leider vermag Rau diese nicht zu führen, und andere Politiker schon gar nicht.

Wie Schulen, und damit auch das Betreuungssystem, aussehen sollen, sollte vor allem den Eltern überlassen werden und die Debatte sollte von Interessensverbänden, wie z.B. Frauenverbänden, geführt werden, um eine zeitgemäße Bereinigung von unserem Konzept von Erziehung und die gesellschaftliche Plazierung von Frauen zu erreichen.