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Staatsschule braucht Nachhilfeunterricht

04.07.2002 - Rasmus Bjerregaard

Der britische Premierminister Tony Blair ist in die Kritik geraten, weil zwei seiner Söhne angeblich Nachhilfeunterricht von Lehrern einer der besten Londoner Privatschulen erhalten. Ein Sprecher Blairs wollte am Donnerstag einen Bericht der Zeitschrift "Spectator" nicht bestätigen: "Alle Fragen die den Schulbesuch der Kinder angehen, sind ausschließlich eine Familienangelegenheit."

Blairs Regierung hat bisher stets alle Eltern aufgefordert, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken und den "Elitismus" der - im Durchschnitt wesentlich besseren - Privatschulen gegeißelt. Dem "Spectator"-Bericht zufolge sollen die Blair-Söhne Euan (18) und Nicholas (16), die eine gute staatliche Schule besuchen, jedoch in Geschichte und anderen Fächern regelmäßige Nachhilfe von Lehrern der privaten Westminster School bekommen. "Wenn das stimmt, dann ist das ein erstaunliches Maß von Heuchelei und Mangel an Vertrauen in die staatliche Erziehung", erklärte ein Sprecher der oppositionellen Liberaldemokraten. Anfang der Woche hatte sich Erziehungsministerin Estelle Morris den Ärger von Lehrern zugezogen, als sie sagte, es gebe "staatliche Schulen, die ich nicht mit der Beißzange anfassen würde".

Vielleicht gehört Heuchlerei zur New Labour dazu, aber es ist interessant, dass die traditionelle Kritik der Sozialdemokraten am elitären Privatschulsystem in England überlebt hat.

Aber solange die staatlichen Schulen so schlecht sind, dass die Politiker und die Elite diese Schulen nicht mit der Beißzange anfassen wollen, fördern sie selbstverständlich indirekt den Elitarismus. Das aber nicht nur, indem sie eine Schüler-Asylwelle auf biedere Privatschulen überschwappen lassen, sondern auch durch die Lehrplandiktatur und den Notendruck, die Kinder Leistungen abverlangen, die nur durch privaten Nachhilfeunterricht zu bewältigen sind. Dieser versteckte Elitarismus grassiert auch in Deutschland. Es ist nicht erstaunlich, dass die Pisastudie zu Tage gefördert hat, dass der schulische Erfolg maßgeblich vom sozialen Hintergrund abhängt. Dies hängt weniger mit Sozialkompetenz, als vielmehr mit dem Geldbeutel zusammen.

Von daher sollten sich Staatsmänner wie Tony Blair genau überlegen, ob das Staatsschulsystem, bei aller berechtigter Kritik an das alte Gespenst der theokratischen Privatschulen, sich so aufrechterhalten läßt.